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Deutsche Juden über das Jahr 2019: “Alles was ich möchte, ist Normalität.”

Das zu Ende gehende Jahr 2019 fiel für Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht nur schwierig aus, sondern es war geprägt von Gefahr und der Erkenntnis, dass der krankhafte Spuk des Antisemitismus nicht so schnell verschwinden wird. Die deutsche Politik enttäuscht viele Mitglieder der jüdischen Minderheit.

Das Anschwellen des Antisemitismus im Jahr 2019 ist für die kleine jüdische Gemeinschaft in Deutschland erschreckend. Ihre Mitglieder mussten feststellen, dass der Judenhass, der wohl unterschwellig immer vorhanden war, wieder salonfähig wurde. Ob gewollt oder nicht: Befördert wird diese Entwicklung nach Ansicht von Kritikern auch von der europäischen und deutschen Politik. Die momentane Haltung deutscher Jüdinnen und Juden reicht von pessimistisch bis kämpferisch.

Malca Goldstein-Wolf
„Das Jahr 2019 hat Juden in Deutschland gezeigt, dass Sie sich hier nicht sicher fühlen können. Antisemitische Angriffe aus allen Richtungen, beinahe täglich, sorgen für Verunsicherung, die Politik setzt dem nur bedeutungslose Worte entgegen, winkt jede noch so absurde UN-Resolution gegen Israel durch, sichert jüdische Institutionen nicht ausreichend ab und die Medien schüren mit einseitiger, verfälschter Nahost-Berichterstattung Judenhass. Deutsche Politiker applaudieren, wenn jüdische Produkte erneut gebrandmarkt werden sollen und die Justiz ignoriert antisemitische Motive bei der Beurteilung von Straftaten. Ob Juden hier noch eine Zukunft haben, ist fraglich.“

Die Aktivistin Malca Goldstein-Wolf bekämpft Antisemitismus. Foto: Malca Goldstein-Wolf

Berliner Gebetsmühlenvorträge

Waren aus Judäa und Samaria werden als solche “gekennzeichnet”, nach dem hinlänglich bekannten Motto “Kauft nicht bei Juden”. Angeblich illegale Siedlungen in einem Gebiet, das Israel in einem Krieg erobern musste, den es nicht wollte, um überhaupt weiter existieren zu können, werden “fachmännisch” diskutiert, während etwa das brutale Vorgehen des iranischen Regimes gegen Demonstranten in Teheran eher ignoriert wird. In letzterem Fall ist es mit einer kleinen Pressemitteilungen getan. Zugleich weiß Berlin aber stets sehr genau, was Israel tun und lassen sollte.

Gebetsmühlenartig teilte die Bundesregierung auch im Jahr 2019 mit, Israel müsse an der Zwei-Staaten-Lösung arbeiten, obwohl der einzige jüdische Staat auf der Welt genau diese stets anstrebte, während die Palästinenserführer über Jahrzehnte hinweg alles taten, um ein Friedensabkommen dieser (oder jeglicher) Art zu verhindern.

Mike-Samuel Delberg ist Social Media Manager der CDU Deutschlands. Foto: Mike-Samuel Delberg

“2019 war ein Jahr des Erwachens. Lange haben wir uns zu sicher gefühlt, als wären wir auf einer Art abgeschotteter Insel, die fernab der antisemitischen Probleme unserer Nachbarn in Frankreich, Dänemark oder Belgien liegt. Doch diese Romantik ist spätestens seit Halle verflogen. Dennoch kann und muss die einzig richtige Reaktion darauf nicht die Flucht in die Ferne, sondern in die Offensive sein. Wir Juden werden uns in Deutschland nicht verstecken. Im Gegenteil: Wir werden uns noch sichtbarer machen und offener zeigen. Ein Jude muss in Deutschland ebenso selbstverständlich dazugehören, wie ein Christ, Moslem oder Atheist. Alles, was ich möchte, ist Normalität und dass man sich nicht mehr verdutzt umdreht, wenn man einen Kippa tragenden Mann auf der Straße entdeckt. Dass Chanukkah und Yom Kippur ebenso bekannt sind wie Weihnachten oder Ramadan. Ich bin der festen Überzeugung, dass es möglich ist. Der Weg dahin wird zwar kein leichter sein, aber er ist es wert ihn zu gehen. Gemeinsam. In und mit Deutschland.”
Mike-Samuel Delberg

Der Berufszweig “Israelkritiker”

Die Annektierung der Krim durch Russland ist gar kein Thema für den neuen Berufszweig “Israelkritiker”, der das Wort “Siedlungen” immer dann als Kreuz Dame-Trumpf auf den Tisch legt, wenn ihm die Argumente ausgehen, was nicht selten der Fall ist. Und dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Diese Doppelmoral, die gern an den Tag gelegt wird wenn Juden im Spiel sind, in welchem Zusammenhang auch immer, ist eine Form des Antisemitismus, der deutschen Juden ebenso wenig entgeht wie direkter Hass gegen sie, wie er von der BDS-Bewegung, Teilen der radikalen Linken, von Islamisten und von Rechtsradikalen demonstriert wird. Auch dies war 2019 andauernd der Fall.

Imanuel Marcus ist Gründer der Publikation The Berlin Spectator.

“Fast fünfundsiebzig Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands ist die Situation alarmierend. Im Jahr 2019 hat sich die Bundesrepublik weiter verändert. Neben der Gewalt und dem Hass, denen Juden in der Synagoge von Halle, auf Schulhöfen, in Stadtzentren und andernorts ins Auge sehen mussten, wog die Enttäuschung schwer. Im Berliner Regierungsviertel taten einige Politiker, die stets angeben, Juden schützen, den Antisemitismus bekämpfen und Israel helfen zu wollen eher das Gegenteil. Das Außenamt ließ seinen UNO-Statthalter gerade erneut mehrfach gegen das Land stimmen, das Deutschland angeblich unterstützt und hilft lieber dem Regime in Teheran als dem ständig durch selbiges bedrohten Israel. Hinzu kommt: Teile der Justiz wollen oder können Antisemitismus nicht identifizieren, wie 2019 schräge Urteile bewiesen. Noch vor dem neuen Jahr 2020 müsste sich die deutsche Israel-Politik ändern, die den weit verbreiteten Israel-bezogenen Antisemitismus letztendlich fördert. Innenpolitisch gibt es ab und zu Lichtblicke, die stets Hoffnung schüren, aber oft im nächsten Moment wieder zunichte gemacht werden. Auch Juden haben genug von dem Wort Antisemitismus, das sie nach Ansicht vieler Nicht-Juden zu oft benutzen. Wir müssen und werden es dennoch benutzen, solange diese ekelhafte Gesellschaftskrankheit existiert.”
Imanuel Marcus

Unter Nicht-Juden sind es vor allem Teile des konservativen Lagers und dort beheimatete Kommentatoren bei Springer SE, beziehungsweise dessen Zugpferden ‘Bild’ und ‘Welt’, die das Problem erkennen, das Judenhass darstellt – und zwar nicht nur für die kleine jüdische Gemeinschaft, sondern für die gesamte Gesellschaft. Judenhass sei ein “Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaft”, schrieb ‘Welt am Sonntag’-Mann Johannes Boie zutreffend. Um diese Gesellschaftskrankheit effektiv bekämpfen zu können, wäre eine Verbreitung dieser Einsicht überall im Land erforderlich.

Wie alle anderen Deutschen auch haben die etwa 100,000 Jüdinnen und Juden im Land verschiedene Ansichten zu vielen Themen. Innerhalb der hiesigen Gemeinschaft gibt es andauernd Diskussionen zwischen Rechts, im Sinne von konservativ, und einer kleiner wirkenden, progressiven Strömung. Weitgehende Einigkeit herrscht allerdings bei der Einschätzung der deutschen Politik, die als eher anti-israelisch wahrgenommen wird, trotz gegenteiliger Beteuerungen aus Berlin.

Dr. Elio Adler ist Vorsitzender der Berliner NGO WerteInitiative.

„Das Jahr 2019 musste jedem, der sich mit dem Thema „jüdisches Leben in Deutschland“ beschäftigt, die Augen öffnen: Sichtbarer Nazi-Terror, islamistische Hetze, eine erstarkende Partei rechtsaußen, links-intellektuell verbrämter Antisemitismus und eine weitere Aufhärtung des gesellschaftlichen Klimas. Die Zeichen stehen auf Sturm. Für 2020 ist zu hoffen, dass Politik und Gesellschaft endlich eines verstehen: Es geht beim Schutz der Zukunft jüdischen Lebens nicht nur darum, eine Minderheit zu schützen und nicht darum, den jüdischen Deutschen zuliebe das eine oder andere zu machen. Sondern es geht um den Kern einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Sind wir bereit, alles auf den Prüfstand zu stellen, um sie zu sichern? Im Jahr 2020 muss die Politik beantworten, ob sie bereit ist, bisherige Wege zu verlassen, all das konsequent zu fördern, was unserem gemeinsamen Zusammenleben dient und all das rechtsstaatlich konsequent zu bekämpfen, was dem Zusammenleben schadet. Einfach weitermachen und hoffen, dass alles gut geht, geht nicht mehr.“
Dr. Elio Adler

Aus Sicht vieler deutscher Jüdinnen und Juden muss sich sowohl die europäische, als auch die deutsche Israel-Politik ändern, auch da sie den sich verbreitenden israelbezogenen Antisemitismus wohl eher beflügelt als ihn einzudämmen. Für das neue Jahr 2020 hoffen viele Jüdinnen und Juden auf einen gewissenhaften Kampf gegen Antisemitismus. Optimistisch ist jedoch kaum jemand in der “Gemeinde”.

Hinweis: Die englische Version dieses Artikels ist hier zu finden.