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Fahrrad Experte Gunnar Fehlau: “Augen auf!”

Fahrradfahren ist sauber, gesund und es macht Spaß. Hinzu kommt: Das Strampeln auf dem Fahrrad bringt Leute von A nach B und C – und wieder zurück nach A. In deutschen Großstädten hat das Fahrradfahren jedoch auch Schattenseiten. Die meisten Politiker geben dem Fahrrad bisher nicht die Priorität, die es verdient.

Mit welchen Herausforderungen sind Fahrradfahrer(innen) heute konfrontiert? Wo liegen die Gefahren? Welche sind die stärksten Trends auf dem Fahrradmarkt? Imanuel Marcus hat mit Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad gesprochen.

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The Berlin Spectator: In Deutschland gibt es etwa 75 Millionen Fahrräder. Viele davon werden regelmäßig bewegt. Mindestens eines davon gehört Dir. Welche Art Fahrrad fährst Du im Alltag und warum?

Gunnar Fehlau: Da ich im gleichen Haus wohne und arbeite, pendle ich nicht klassisch jeden Tag. Der Alltag ist bei mir sehr vielseitig, insofern fahre ich mal Faltrad, mal Cargo-Bike, mal Stadtrad zum Bahnhof oder auch mal eine Runde Rennrad oder Gravelbike in der Mittagspause.

The Berlin Spectator: Es gibt so viele Fahrradarten, dass man schon mal den Überblick verlieren kann, nämlich Cityräder, Treckingräder, Tourenräder, Rennräder, BMX-Räder, Bonanzaräder, E-Räder, Laufräder, Mountain Bikes, Transporträder und Hollandräder. Hinzu kommen ständig neue Trends. Welcher Trend ist derzeit der stärkste?

Gunnar Fehlau: Ich sehe drei Trends: der erste ist Elektrifizierung. Wirklich jeder Radtyp ist auch in einer motorisierten Variante erhältlich. Der zweite Trend ist die Individualisierung: Räder werde ganz individuell aufgebaut, oder angepasst und getunt. Und wenn man einen Radtyp zum Trend erklären sollte, dann ist es das Gravelbike, ein Rennrad mit breiteren Reifen und damit universeller Eignung auch für schlechte Pisten und Straßen: Dahingleiten wie beim Rennrad, aber abseits der großen Straßen. Das gefällt vielen Leuten. Auch ich bin ein großer Fan dieser Radgattung.

Gunnar Fehlau wird kaum eine Radtour ablehnen. Foto: Pressedienst Fahrrad

The Berlin Spectator: Angeboten werden auch Millionen Extras für Fahrradfahrer(innen), darunter Airbag-Helme. Einen davon hast Du bei der letzten ‘Velo Berlin’-Fahrradmesse vorgeführt. Welche Extras muss man einfach haben?

Gunnar Fehlau: Ausgehend davon, dass das Rad für den Alltag bereits Licht, Schutzbleche und sowas hat, würde ich sagen: Ein gutes Schloss. Ich stehe auf Faltschlösser mit Zahlen, da sie sehr handlich und für kurzes Parken mit vierstelliger Schließung vollkommen sicher sind. Ein Helm ist wichtig, für mich gerne mit vielen Löchern und sehr leicht, eine wasserdichte Tasche und ein Multitool. Letzteres sollte nicht nur gut funktionieren, sondern auch möglichst keine scharfe Kanten haben, damit es in der Tasche keine anderen Gegenstände beschädigt.

The Berlin Spectator: Fahrradfahren ist nachhaltig, gesund und es macht Spaß. Die Freude wird aber zuweilen getrübt. In Berlin gerät man abgesehen von einigen modernen und breiten Fahrradwegen leicht auf in den 1970er-Jahren gebauten Spuren, die kaum breiter sind als Bandnudeln und auf denen man oft durchgeschüttelt wird wie ein Daiquiri. Wie steht es generell um die Fahrrad-Infrastruktur in Deutschland?

Gunnar Fehlau: Das ist ein heißes Thema. Erst einmal würde ich sagen, es sollte lieber keine spezielle Infrastruktur für Radfahrer geben als eine schlechte. Schlecht ist vor allem die „Symbol-Infrastruktur“, meist von geltungsneurotischen Politikern für einen Pressetermin „hingerotzt“ und ohne wirklichen Nutzen für den Radfahrer. Meist ist es sogar noch schlimmer: Schlechte Infrastruktur für Radfahrer baut eine Menge sozialen Druck auf, diese auch zu benutzen, selbst wenn dies nicht verpflichtend ist, schlicht weil Autofahrer hupen und drängeln. Und doch, es gibt natürlich auch gute Infrastruktur. Aber zu wenig und da können wir nicht Zaubern. Der Raum für Fahrradinfrastruktur fällt nicht vom Himmel, sondern er muss woanders abgezwackt werden.

The Berlin Spectator: Rechtsabbiegende LKWs stellen eine der größten Gefahren für Fahrradfahrer(innen) dar. Im Januar 2020 wurden allein in Berlin zwei Radfahrerinnen bei entsprechenden Unfällen getötet. Was müsste Deiner Ansicht nach passieren, um diese und andere Gefahren zu bannen?

Gunnar Fehlau: Nun hier würde ich gerne zwischen Individual-Strategie und gesamtgesellschaftlichen Aspekten unterscheiden. Im Individual-Bereich muss ich erst einmal alles – ungeachtet der Gesetzeslage oder potenziellen Schuldfrage – dafür tun, dass ich nicht unter dem LKW lande. Das bedeutet: Augen auf! Steht an der Ampel links ein LKW oder kommt von hinten einer angerollt, dann gilt höchste Alarmstufe. Ich muss dann schnell aus der Gefahrenzone kommen, auch gerne auch auf den Bürgersteig. Gesamtgesellschaftlich kann es natürlich nicht sein, dass das Opfer sein Verhalten ändern muss, während der Täter nix tut. Ich bin der festen Überzeugung, dass LKW-Fahrer keinen Radfahrer umnieten wollen. Sie sind mit dem Verkehr und den schlechten Sichtbedingungen überfordert und ziehen nicht die notwendigen Konsequenzen: Tempo runter, warten, schauen, langsam fahren. Fahrer, Unternehmer und Gesetzgeber kommen hier ihrer Verantwortung nicht nach.

Gunnar Fehlau: “Die nächste Tour ist immer die beste.” Foto: Pressedienst Fahrrad

The Berlin Spectator: Eine weitere Gefahr für uns Fahrradfahrer sind wir selbst. In Berlin sind Fahrradfahrer(innen) an etwa der Hälfte aller Unfälle selbst schuld. Welche Beobachtungen machst Du, was Fehlverhalten auf dem Fahrrad angeht?

Gunnar Fehlau: Radfahrer sind ökologischer unterwegs. Das macht sie natürlich nicht zu besseren Menschen, denn auch hier gibt es die ganz normale Verteilung von gut bis böse. Insofern ist es klar, dass sie auch schuld an Unfällen tragen. Das ist keine Entschuldigung, sondern erst einmal nur eine Erklärung. Es werden immer mehr Radfahrer in den Städten sein. Daraus leitet sich für den Einzelnen und für alle Radfahrer eine Verantwortung ab und diese müssen wir auch annehmen. Das heißt zu allererst: Das Rad muss den gesetzlichen Vorgaben in Ausstattung und Zustand entsprechen und ich halte mich als Radfahrer an die Regeln. Dann addieren wir noch eine Portion Menschenverstand. So sollten diese Unfälle zu verhindern sein.

The Berlin Spectator: Fahrraddiebstahl ist ein Aspekt, der nervt und schadet. In manchen Städten ist es so schlimm, dass man eine Fahrradversicherung abschließen sollte. Könnte dieses Problem zum Beispiel technisch gelöst werden?

Gunnar Fehlau: Diebstahl ist ein heißes Thema und auch ein sehr emotionales, weil es Menschen vom Radkauf und damit Radfahren abhält. Auch hier braucht es eine Kombination aus gutem Schloss, clevere Abschließstrategie und zeitgemäßer Infrastruktur. Letzteres liegt in den Händen der Städte, Kommunen, Vermieter, Arbeitgeber, Laden- und Restaurantbetreiber. Dabei hat es in den letzten 40 Jahren eine starke Bevorteilung des Autos gegeben, die uns nun „festzementiert“ und in den Städten Spielräume für schnelle Änderungen im Wege steht.

The Berlin Spectator: Wie sollte für Dich als Fahrrad-Profi das Deutschland der nahen Zukunft aussehen, damit es mit dem Fahrradfahren besser klappt?

Gunnar Fehlau: Je mehr Leute in der Stadt fahren, desto besser ist es und wird es werden. Jeder Radfahrer ist im Zweifel ein Autofahrer weniger. Jeder Radfahrer ist auch als Wähler sichtbar. Die Verkehrswende wird in Deutschland von unten nach oben stattfinden. Fahren und sich engagieren in Verbänden und lokaler Politik und richtig wählen sind wichtig. Hinzu kommt: Mit einem guten Fahrrad, das exakt zu mir und meinen Bedürfnissen und Bedingungen passt, bin sich sicherer und lustvoller unterwegs.

The Berlin Spectator: Welches war die beste Fahrradtour, an der Du jemals teilgenommen hast? Was hast Du erlebt und wo? Wie weit bist Du gefahren?

Gunnar Fehlau: Die beste Tour ist immer die nächste. Sie ist noch unbeschrieben und hat die Chance, die schönste Tour meines Lebens zu werden. Die Touren der Vergangenheit in eine Rangfolge zu zwängen, das liegt mir nicht. Ich hatte tolle Erlebnisse auf einem Overnigher mit kaum zehn Kilometer Distanz, und auch 600 Kilometer an einem Tag können sehr prägend und toll sein. Die Hauptsache ist, unterwegs zu sein.

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