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Kalotina: Der schlimmste Grenzübergang in der E.U.

Europa ist eine Art Flickenteppich, der aus zahlreichen kleinen Staaten besteht. Dank der Europäischen Union fühlen sich diverse Länder jedoch wie ein und der selbe Staat an. Auch da es nur wenige bewachte Grenzen gibt, ist es zudem eine Leichtigkeit, von A nach B zu reisen, es sei denn man muss bulgarische Grenzen passieren.

Wer mit dem Auto von Dänemark in die Türkei zu fahren gedenkt, nimmt in der Regel diese Route: Hamburg, Berlin, Dresden, Prag, Brno (Tschechien), Bratislava (Slowakei), Györ, Budapest, Kescemet (Ungarn), Novi Sad, Belgrad, Niš (Serbien), Kalotina, Sofia, Plovdiv (Bulgarien), Istanbul.

Ahmed der Graue

Dänemark mit eingeschlossen ergibt sich eine Reise durch acht Länder, in deren Verlauf aber nur drei bewachte Grenzen passiert werden müssen. Zuerst ist die ungarisch-serbische Grenze an der Reihe, die gleichzeitig die Außengrenze der Schengen-Staaten und die E.U.-Außengrenze markiert, da Serbien kein Mitglied ist.

Vor allem im Sommer, wenn zehntausende Urlauber nach Südosteuropa fahren, und wenn ebenso viele türkische Familien, die in Dänemark, Deutschland, Frankreich oder andernorts in Westeuropa leben, nach Istanbul, Ankara oder Kapadokien reisen, um ihre Familien zu sehen, ist an dieser Grenze viel Geduld erforderlich. Ein gutes Auto kann auch nicht schaden, eines dessen Triebwerk nicht gleich überkocht, wenn es drei Stunden lang nur zentimeterweise vorangeht – und dies in der Sommerhitze.

Bulgarien hat die schlechtesten Straßen in der E.U.. Foto: Åsmund Overgaard

Ahmed und seine Familie befinden sich in dieser Situation. Sie sind von Köln nach Istanbul unterwegs. Als einziger Führerscheininhaber im Fahrzeug hat Ahmed bis 3 Uhr nicht eine Minute lang geschlafen. Zu dieser unchristlichen Zeit würde er keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Sein Gesicht ist grau, aber er ist fest entschlossen die Reise in einem Rutsch zu schaffen. Es hängt alles von ihm ab. Die bewachten Grenzen sind Hürden, die er gern mal eben überspringen würde.

Korruption in Kalotina

Diese Grenze in der Nähe des ungarischen Ortes Röszke ist kein guter Ort, und dies schon gar nicht im Sommer. Aber im Vergleich zur nächsten Grenze auf dieser Route, nämlich der serbisch-bulgarischen, die etwa 550 Kilometer weiter südöstlich bereits auf Ahmed wartet, ist Röszke fast das Paradies auf Erden. Dieser Übergang in Ungarn würde im Wettbewerb der Grenzen vielleicht 3 von 10 Punkten einstreichen, während sich der Grenzübergang nahe des bulgarischen Ortes Kalotina mit Minuspunkten zufriedengeben müsste.

Ich kenne letztere Grenze seit fast zwei Jahrzehnten. Damals war Bulgarien noch nicht Teil der E.U. und die Korruption war weitaus schlimmer und offensichtlicher als heute. Die Grenzbeamten würden so gut wie alle Reisenden ausnehmen, inklusive der vielen Deutsch-Türken auf dem Weg in die Heimat. Auch waren die Beamten Partner der Schmuggler. An diesem Übergang packten ältere Damen im Jahr 2003 jeweils zehn Stangen Zigaretten unter ihre weiten Röcke und passierten die Grenze mehrmals pro Tag. Jeder konnte die Szenerie beobachten, aber niemand stoppte den Schmuggel.

Dreißig Jahre nach dem Ende des Kommunismus baut Bulgarien endlich eine Schnellstraße von Sofia zum Grenzübergang Kalotina. Foto: Åsmund Overgaard

Zur selben Zeit fühlten sich die korrupten Grenzer so sicher, dass sie mit Filzstiften geschriebene Schilder aufhängten, auf denen es hieß, für jedes Fahrzeug müsse eine Gebühr von 22 Euro entrichtet werden. Nun mussten plötzlich alle dafür bezahlen, in das korrupteste Land Europas einreisen zu dürfen. Damals führten nach Brüssel geschickte Beschwerden zu nichts, denn die E.U.-Mitgliedschaft Bulgariens würde noch vier Jahre auf sich warten lassen.

Verhaftung von Grenzbeamten

Der frühere König Simeon Sax-Coburg-Gotha war damals Ministerpräsident Bulgariens. Angeblich überquerte er mit seinem Gefolge im Jahr 2003 einmal unangekündigt den Grenzübergang Kalotina. Was er dort zu sehen bekam, machte ihn sehr wütend. Die Schilder mit den Fantasie-Gebühren verschwanden, nicht aber die Korruption oder das mehr als fragwürdige Verhalten der Grenzwächter.

Viel später, nämlich im Jahr 2016, als Bulgarien längst E.U.-Mitglied war, fiel die Korruption an den Grenzen noch immer alarmierend aus. LKW-Fahrer wurden nach Strich und Faden ausgenommen und wandten sich an die Europäische Kommission. Einige Beamte kooperierten während des Höhepunktes der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 mit Menschenschmugglern. Sie verprügelten Asylsuchende und raubten diese aus. Dies geht aus Berichten von Betroffenen hervor.

Als Brüssel begann Druck auszuüben, verhaftete die bulgarische Bundespolizei ganze Schichten an Grenzbeamten, vor allem an den Übergängen im Süden. Als plötzlich keine Grenzer mehr vorhanden waren, ergab sich mehrmals ein riesiges Verkehrschaos.

Über Jahrzehnte hinweg war Kalotina eine Hochburg der Korruption. Foto: Åsmund Overgaard

Jahre zuvor fuhr ich regelmäßig über diese Grenzen. Stets brachte ich meinen kleinen Hund mit. Am Übergang Kalotina steckte eines Tages, es war das Jahr 2003, ein mieser Grenzwächter seinen Kopf durch mein geöffnetes Autofenster und starrte dem Tier direkt in die Augen, was bei meinem Hündchen Angst auslöste. Ich habe nie verstanden, was dieser Typ wollte. Es war wohl eine Art Drohung oder Machtdemonstration.

Polizisten wollen ihren Anteil

Dann beschwerte er sich über mein Auto und fragte warum es so alt und verbeult sei. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass mein weitaus besseres Fahrzeug von der bulgarischen Polizei gestohlen worden war, dessen Übersetzerin einen Kontakt zu den Dieben herstellte, die mir mein eigenes Fahrzeug verkaufen wollten, was aber nicht klappte, ließ er mich endlich weiterfahren.

Ein weiteres Jahr später verlangten die Grenzer in Kalotina offiziell Mautgebühren für die schlechtesten Straßen Europas. Bis heute tauchen die ersten großen Schlaglöcher auf der gesamten Strecke von Dänemark in die Türkei gleich hinter der bulgarischen Grenze auf. Damals war es aber noch weitaus schlimmer.

Zwischen Kalotina und Sofia galten schon vor 15 Jahren die übertriebensten Geschwindigkeitslimits in ganz Bulgarien, selbst unter Einbeziehung des schlimmen Zustands der Straßen. Dafür gab es einen einzigen Grund: Polizisten in der Region wollten ihren Teil des Schmiergeldes absahnen. Besonders bei Fahrern von Fahrzeugen mit ausländischen Nummernschildern, darunter viele Türken, wurde abkassiert.

Grenzbeamter will mitfahren

Heute, im Jahr 2019, kämpft man sich über eine Strecke von über 2000 Kilometern hinweg durch all diese Länder, nur um herauszufinden, dass Kalotina noch immer die schlimmste aller Grenzen ist. Das kleinste Problem ist die Tatsache, dass die letzten Meter zur Grenze eine Steigung aufweisen, für Reisende die von Westen her kommen. Dieser Aspekt sorgt gerade im Sommer für überhitzte Motoren. Dies gilt besonders für ältere Fahrzeuge, die bereits vor dem serbischen Teil dieses Überganges lange warten mussten.

Zum nächsten Ärgernis kam es, als ich endlich dran war. Der Beamte, der meinen Pass in den Händen hielt, hörte plötzlich auf, diesen anzusehen und verschwand. Er hatte Pause und war nicht gewillt, mich weiterfahren zu lassen, bevor er diese antrat. Etwa 10 Minuten später tauchte der nächste Grenzer auf. Er war ebenso wenig motiviert wie sein Kollege, las meinen Vornamen vor und wiederholte diesen mehrfach.

Gerade als ich dachte, dass dieses Affentheater endlich vorbei war, hielt mich ein Zöllner an. Ich rechnete damit, dass er sich den Inhalt meines Kofferraumes ansehen wollte, als er mich fragte, ob ich nach Sofia unterwegs war. Als ich mich nach dem Grund für diese Frage erkundigte, meinte er, sein Kollege würde gerne mitfahren. Dieser stand bereits neben ihm.

Serbiens neue Autobahn

Ich hatte nun wirklich keine Lust auf einen Zöllner als Beifahrer, der mir zumindest theoretisch Drogen oder andere Dinge unterjubeln konnte oder für sonstige Probleme sorgen würde. Zudem war ich bereits fast 2000 Kilometer gefahren. Und ich war drauf und dran, die schlimmste Grenze in der E.U. zu passieren, was meinen Geduldsfaden bereits strapaziert hatte. Also schrie ich ihn an. “Nein!” Er ließ mich immerhin weiterfahren.

Hinter der Grenze und dem ersten von Milliarden von Schlaglöchern stand eine Hütte mit der Aufschrift “Vignette”. Auf diesen Blödsinn würde ich nicht erneut hereinfallen, dachte ich. Beim letzten Mal hatte mir die unfreundliche Gestalt in dem Holzverschlag eröffnet, dass hier nur Vignetten für LKWs verkauft würden. PKW-Vignetten seien an der nächsten Tankstelle erhältlich. Als ich diesmal direkt zur Tanke fuhr, wurde ich natürlich zurückgeschickt. Alle Tankstellen in Bulgarien verkaufen Vignetten, nicht aber die beiden in der Nähe des Grenzüberganges Kalotina, wo tausende Reisende rund um die Uhr Vignetten brauchen.

Das nächste Problem war die Straße von der Grenze in Richtung Sofia. Aufgrund einer Übereinkunft zwischen Serbien und Bulgarien hat Belgrad bereits eine Autobahn von der Stadt Niš nach Kalotina weitgehend fertiggestellt. Zwei Drittel der Strecke sind befahrbar. Die Reisedauer halbiert sich dadurch im Vergleich zu vorher.

Auf der bulgarischen Seite

Die Bulgaren hingegen taten über viele Jahre hinweg genau gar nichts, obwohl sie nur 35 Kilometer abdecken müssen, während die Strecke von Kalotina bis Niš, auf der serbischen Seite, 116 Kilometer beträgt und zahlreiche Tunnel durch das schöne Gebirge in dieser Region enthält.

Erst jetzt, viele Jahre später, ist Bulgarien dabei, eine Verbindung zur Grenze zu bauen, die die Bezeichnung Straße verdient. Jemand in Sofia hat offenbar verstanden, dass vernünftige Straßen der Wirtschaft, dem für Bulgarien so wichtigen Tourismus und allen Reisenden nützen. Dies schließt die vielen Türken mit ein, die im Sommer hin und her reisen.

Ich bin in meinem Leben über viele Grenzen gefahren. Kalotina hat immer die meisten Probleme verursacht und mächtig genervt. Vermutlich wird sich daran nie etwas ändern.

Die englische Version dieses Artikels ist hier zu finden.